Montag, 28. November 2016

5 Jahre Habitat-HT


Artikel aus dem Quartalsheft der Lebensmission: 
 
Am 6.Oktober 2011 zogen Dieufort und ich los. Mit zwei Kindern, 8 Koffern, einer klaren Vision, höchster Motivation und zugleich einem blubberndem Bauchgefühl. Ankommen in einer neuen Kultur bringt stets Verunsicherung mit sich. Sich komplett neu orientieren, Sprache lernen, kulturelle Umgangsformen und gewisse Fettnäpfchen kennenlernen etc. Dieufort hatte hier klaren Vorteil, so dass Habitat-HT rasch starten konnte. Unsere Mitarbeiter stammten hauptsächlich aus dem Umkreis der Lebensmission, teilweise ehemalige Kinderdorfkinder, Schreiner die bei Günther Rinklin gelernt haben, sowie Freunde und Bekannte. Mit der Zeit kamen Andere dazu, Einzelne gingen weg, doch wir erleben es als besonderen Segen ein solides Stammteam zu haben, das mittlerweile einen erheblichen gemeinsamen Erfahrungsschatz gesammelt hat. 

Wir gingen durch manche Höhen und Tiefen. Der bewaffnete Überfall auf Dieufort und meine Blinddarmoperation gehören wohl zu den heftigsten Erlebnissen. Manche tropische Krankheit wollte durchgestanden werden. Die Vision an sich blieb fest in unseren Herzen verankert, doch manche konkrete Umsetzungsstrategie wurde verändert, an haitianische Bedingungen angepasst, Prioritäten verschoben. Man lernt die Stärken beider Kulturen zu erkennen, wertzuschätzen und bewusst zu nutzen, beginnt sich an gewisse Lebensbedingungen anzupassen ohne eigene Prinzipien gänzlich zu verraten. Wichtig ist es, die Sensibilität dafür zu entwickeln, wo wir soziale Helfer dem Hilfeempfänger etwas überstülpen, was ihm nicht entspricht und gleichzeitig die Balance zu finden positive Entwicklungen anzustoßen, die ihn langfristig freisetzen. Man wächst bekanntlich an Herausforderungen- und an diesen mangelt es in Haiti nicht. Glaube wächst nicht durch theoretisches Studium, er ist dann gefragt, wenn man vor unwegsamen Situationen steht. Petrus wurde herausgefordert, Jesus auf dem Wasser entgegen zu kommen (Matthäus 14,29). An Land hätte er nie gelernt auf dem Wasser zu gehen. Es ist ein Wagnis Gottes Führung zu folgen, seinen Zusagen zu vertrauen und die menschlichen Konstrukte vermeintlicher Sicherheit zu verlassen. Blicken wir auf die bedrohlichen Wasserfluten, so werden wir sinken. Blicken wir auf ihn, den Fels in der Brandung; der war, der ist und der bleibt -  so werden wir Wege gehen, die menschlich zunächst unmöglich erscheinen. Für uns ist es das Bauprojekt Habitat-HT, das Kinderdorf der Lebensmission und Haiti allgemein - auf welches Wasser ruft Jesus Dich persönlich hinaus? Die beruhigende Tatsache ist, dass er bereits auf dem Wasser steht und uns seine starke Hand entgegenstreckt. Friede und Freiheit finden wir dort, wo wir es wagen ihm entgegenzugehen. Friede, der allen Verstand übersteigt. Freiheit, die alles loslässt was zuvor als wichtig erschien. 

5 Jahre – sie waren nicht leicht, doch sie waren erfüllt. Voller Leben, reich an Freundschaft, Treue und die so klar sichtbare Frucht der Arbeit sind segensreiche Geschenke, die durchtragen  und ermutigen weiter voranzugehen. 

Angesichts der großen Not, mit der man tagtäglich konfrontiert ist, bleibt es gefühlt stets ein Tröpfchen auf den heißen Stein, auch wenn man seine komplette Energie, Zeit und Finanzen einsetzt. Ein Haus, eine Latrine, ein regendichtes Dach – jedes Einzelne ein riesen Aufwand; so viele verschiedene Menschen legen zusammen… Eine Frage taucht wiederholt auf: „Lohnt sich der Aufwand?“ Da denke ich an die Geschichte von den Seesternen aus Schleswig-Holstein:
Ein alter Mann ging früh am Morgen am Strand entlang. In der Nacht hatte der Sturm unzählige Seesterne an Land gespült. Ein kleiner Junge las Seesterne auf und warf sie ins Meer zurück. Der alte Mann fragte ihn, warum er das tue. "Weil die Seesterne sterben, wenn sie hier nachher in der Sonne liegen", antwortete der Junge. "Aber der Strand ist viele Kilometer lang und da liegen Tausende von Seesternen", sagte der alte Mann. "Was macht das nun für einen Unterschied aus, wenn du von den vielen ein paar ins Meer zurückwirfst? Du wirst eh nicht alle retten können. Geh lieber spielen und vergeude nicht deine Zeit." Der Junge sah auf den Seestern in seiner Hand und während er ihn warf, antwortete er: "Für diesen ist es ein Unterschied, ob er leben oder sterben wird."   Von Marie Hüsing

Wir bleiben klein. Habitat-HT mag ein Tropfen sein inmitten der haitianischen Glut vielfältiger Nöte. Doch für den Einzelnen ist dieser Tropfen eine Kraftquelle, Erfrischung, Hoffnung und ein Zeichen der Liebe Gottes. Wie der Junge möchten auch wir antworten: „Für diese Familie ist es ein Unterschied, die nun in einem Haus wohnt. //  Für diesen Mitarbeiter ist es ein Unterschied, der monatlich sein Gehalt abholt und seine Kinder zur Schule schicken kann. // Für diese Witwe ist es ein Unterschied, ob sie als Köchin die hungrigen Bäuche ihrer Kinder füllen kann.“ … 

2016 war ein mageres Spendenjahr für Habitat-HT. Vielleicht weil wir schon zu lange weg sind und in Vergessenheit geraten. Vielleicht weil uns kein Besuch möglich war, um Vorträge zu halten und bisschen Werbung zu machen... Spekulationen liegen mir nicht. Lasst uns etwas daran ändern. Die Vorweihnachtszeit beginnt und so manche Firma weiß noch nicht an wen sie ihre Weihnachtsspende richten mag, allerlei Veranstaltungen unterstützen gerne einen sozialen Zweck… Wir brauchen Euch, die ihr mittendrin seid und den einen oder anderen Vorschlag machen könnt. Kreativität, Initiative und ein herzliches Lächeln erreicht doch immer leicht die Herzen. 

Auf das 6. Jahr Habitat-HT! Auf viele weitere Spendenhäuschen und Latrinchen! Auf jeden einzelnen Tropfen, den wir in dieses dürre Land ausgießen dürfen! Und auf unsere  Zusammenarbeit, bei der sich so viele buntgemischte Menschen zusammentun! 

Mögen wir immer wieder Jesu Ruf folgen und den Schritt aufs Wasser hinaus wagen!


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